Gedenkveranstaltung zum 9. November in Sulzbach
Am 9. November nach Sulzbach zu fahren, entpuppte sich in mehrfacher Hinsicht als gut investierte Zeit. Der Stumm-Orgelverein hatte eingeladen, mehr als 100 Gäste waren ins Bürgerhaus gekommen.
Das musikalische Glanzlicht im zu Ende gehenden Jubiläumsjahr setzte die russische Pianistin Ekaterina Derzhawina mit ihrem aus drei Werken bestehenden Programm „…gegen das Vergessen“. Die Veranstaltung stellte gleichzeitig einen Höhepunkt im emsigen Recherche-Leben des für den Verein so engagierten früheren Vorsitzenden Heiner Schneider dar. Er hatte Derzhawina vor 30 Jahren kennen und schätzen gelernt. Nicht vergessen werden soll die Reichspogromnacht von 1938, in der die Hetze gegen Juden in ganz Deutschland organisiert auf die Straße gebracht wurde. Schneider hatte schon vor Jahren eine mit fünf Stellwänden kleine, mit Informationen gespickte Wanderausstellung zusammengetragen und sie in diesem Jahr ergänzt. Zur Eröffnung um 16 Uhr hatte man den rheinland-pfälzischen Kultur-Staatssekretär, Prof. Dr. Jürgen Hardeck eingeladen. Dass er dieser Einladung nachkam, unterstreicht die wertvolle Arbeit der hier engagierten Menschen.
Stefan Huck, der Vorsitzende des Stumm-Orgelvereins, hob hervor, dass es ihnen ein Anliegen sei, „die Verunglimpfung, Verfolgung und Ermordung von jüdischen Musikern in Nazi-Deutschland im Gedächtnis zu behalten“. Bei Schneider bedankte er sich, weil dieser „Erinnerung als Teil von Kulturarbeit“ praktiziere. Eine der Tafeln weist auf die Stolpersteine hin, die bereits in Rhaunen verlegt worden sind, besonders auf den für Musiklehrer Samuel Baum aus Bruschied, Klavierlehrer von Schneiders Mutter. Dem 1942 in einem KZ Ermordeten sind weitere Tafeln zugedacht. Andere Tafeln weisen auf den Rhauner Stumm-Orgelweg hin, der auch zum Jüdischen Friedhof führt. Die Ausstellung sollte längere Zeit zugänglich sein, warum nicht in einem öffentlichen Gebäude? Einer der berühmtesten jüdisch-stämmigen deutschen Musiker ist der Romantiker Felix Mendelssohn-Bartholdy. Ihm hat Schneider auch eine Stellwand gewidmet.
Mit sieben seiner 48 Klavier-Miniaturen „Lieder ohne Worte“ war er in Derzhawinas Programm vertreten, darunter das duftige „Frühlingslied“ und als letztes das hoch motorische, trotzdem so melodiöse „Spinnerlied“. Die Virtuosin verblüffte ihre Zuhörerschaft mit diesen zauberhaften Stücken und ihrer Fähigkeit, blitzschnell auf die Stimmung des jeweils folgenden umzuschwenken. Dieselbe Fähigkeit benötigte sie auch beim eingangs gespielten Opus 19 von Mieczyslaw Weinberg, dem „großen Unbekannten“ des 20. Jahrhunderts. In seinem „Kinderheft“ erklingen häufig schlichte, kleine Melodien, die in einen komplexen Klaviersatz eingebettet werden. Kinder, die diese Musik hören, sausen nicht unbeschwert herum, sondern müssen sich einer düsteren Umwelt stellen – schwere Kost.
Nach der langen Pause, die den Gästen weiter die Möglichkeit gab die Ausstellung anzuschauen und sich auszutauschen, ergriff wieder Schneider das Wort („Ich habe meine Notizen stark gekürzt“), weil es ihm ein Bedürfnis war die Zuhörerschaft in das Werk des zweiten Teils, die „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach einzuführen. Er ging auf wichtige Interpreten dieser „Clavier-Übung zum Ergetzen…“ ein und stellte dann den Bezug zu Felix Mendelssohn her, der als Zwölfjähriger mit Bach‘sche Musik Johann Wolfgang von Goethe ergötzt hatte. Die 30 Variationen verlangen nicht nur von der Künstlerin mentale Höchstleistung, sondern fordern auch den Intellekt des Zuhörers. Da hatten Schneiders Worte und sein kleines „Arbeitsblatt“ gute Hilfestellung geleistet. Das Werk dauert so lange wie eine klassische Sinfonie. „Ich war durchweg gebannt, hatte keine Mühe aufmerksam zu bleiben,“ freute sich eine Dame und sprach für wohl alle begeisterten Menschen im Saal. „Mir ist es wichtig mit diesem Abend gegen das Vergessen zu helfen.“ Mit diesem Satz verabschiedete sich die Künstlerin, gerührt vom starken Beifall und der Bewunderung, die man ihr zollte.
(Jutta Gerhold)


