Nachruf Hans Gerd Klais (02.12.1930 – 11.06.2026)

Zum Gedenken an Hans Gerd Klais

Am 11. Juni 2026 verstarb Orgelbauer Hans Gerd Klais im Alter von 95 Jahren. Mit ihm verliert der Orgelbau nicht nur in Deutschland, wenn nicht sogar weltweit einen prägenden Vertreter seines Berufsstandes. Er war ein Kenner von Stumm-Orgeln, die ihn interessierten, die er ganz hoch einschätzte.

Er gehörte zu der Generation, die von Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau geprägt war. Er selbst hat als 13jähriger mitgeholfen, die brennende Werkstatt nach einem Bombenangriff zu löschen und er ist 1948 beim Bau der neuen Orgel im Kölner Dom in der schwer beschädigten Kathedrale auf den Gewölberippen herumgeklettert: Ein mutiger und gradliniger Charakter, voller Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit. Als sein Vater 1957 krank wurde, trat er 27jährig die Nachfolge als Leiter der Firma an.

Er hatte schon vor dieser Zeit seinen Horizont mit großer Begeisterung durch viele Orgelreisen nicht nur in europäische Ausland zu erweitern gesucht oder die bis heute unerreichte Orgelbibliothek und das Orgelfotoarchiv der Werkstatt aufgebaut, zu der alle irgendwie erreichbaren Bücher und Fotos gehören, darunter auch die wesentlichen Lehrbücher und historischen Orgelstiche im Original. Sein wacher Blick inspirierte nicht nur ihn selbst. Seine Neugierde auf die Orgel half ihm, eine immense Kompetenz erwerben, die ihn für zahlreiche Musiker, Architekten und bildende Künstler, Wissenschaftler und sogar Geistliche als Gesprächspartner interessant machten, nicht nur in seinem rheinisch-katholischem Umfeld. Er verstand es, mit Humor und Schlagfertigkeit zu überzeugen, mit Charme und fundiertem Wissen, Rechthaberei oder Unnachgiebigkeit war ihm fremd. Er hatte eine Meinung, konnte aber zugeben, wenn er sich getäuscht hatte.

Der Orgelbauer und Unternehmer

Gegen Widerstände im eigenen Haus führte er, bei ausgelasteter Werkstatt, die mechanische Schleiflade bei elektromagnetischer Schleifensteuerung ein, und avancierte so zur stilbildenden Orgelwerkstatt. Lange Zeit waren seine großen Orgeln in Würzburg, Dom (1969), Trier, Dom (1974), Limburg, Dom (1977), Berlin, St. Hedwig (1978/79), Worms (1985) im Altenberger Dom (1980), Aachen (1993) und zuletzt die Langhausorgel im Kölner Dom (1998) sowie viele weitere stilbildend und sind zurecht als Stilikonen ihrer Entstehungszeit anerkannt.

Hans Gerd Klais kannte und schätzte sehr viele Orgeln, sowohl historische Instrumente wie solche seiner Kollegen. Er erkannte früh neue Entwicklungen, auf die er seine Mitarbeiter aufmerksam machte, ebenso wie umgekehrt Mitarbeiter ihn überzeugen konnten. Aber nicht jede „Mode“ machte er mit, etwa die Zeit des, wie er es nannte, „faulen Windes“, auch die Kegellade blieb im Repertoire der Werktatt.

Nicht nur in der Technik, auch in seiner Klangauffassung wollte er die verschiedenen europäischen Traditionen zusammenführen, mit einem charmanten, verschmelzenden Klang, farbig, charaktervoll, nie zu laut, vor allem stets inspirierend. Hier verstand er sich als Rheinländer, stets offen für Anregungen von außen und ohne Sprachbarrieren, als ein rheinischer Katholik im Sinne des griechischen Wortes „allumfassend“.

Die Wiederentdeckung der STUMM-Orgeln

Weniger bekannt ist, wie groß sein Interesse für historische Orgeln war. In einer Zeit, die sich eher durch technischen Fortschritt definierte, erkannte er, dass Orgeldenkmale, gleich welcher Epoche, schützenswert sind, egal, ob der Stil gerade en vogue war oder nicht. Er hatte einen Blick für Qualität und Konzeption, erkannte darin den besonderen Wert, wenn er alte Orgeln mit wenigen Strichen aufmaß, das Pfeifenwerk nach Provenienz ordnete und so die technische und klangliche Logik der Orgel erkannte.

So wurde er Mitbegründer der Wiederentdeckung und Renaissance der Stumm-Orgeln, die lange Zeit in Verruf gewesen waren. Als Jürgen Eppelsheim bei der Recherche für seine Habilitation über Johann Michael Stumm in der Werkstatt in Bonn um 1970 die gerade in der Restaurierung befindlichen Orgeln von Karden, S Kastor und von Heimbach-Weis, St. Margarete (ursprünglich Abtei Rommersdorf) sehen wollte, gab ihm Hans Gerd Klais jeden möglichen Zugang. Wie sehr er sich für diese Orgeln begeistern konnte, zeigt eine Anekdote: Nach einigen Tagen in Bonn, machte Eppelsheim ihn darauf aufmerksam, dass er die Hauptwerkslade von Karden falsch restauriere und nicht eine Gamba 8‘ auf dem Stock zu rekonstruieren sei, sondern ein Großgedact 16‘. Klais verlangte von ihm einen schlüssigen Beweis, den Eppelsheim mit Papierschablonen auf den Ladenstöcken lieferte. Natürlich folgte Klais diesem Befund und stellte sich gegen die Expertise von Franz Bösken (1909 – 1976). Jedenfalls half die wachsende, gegenseitige Anerkennung zwischen ihm und Jürgen Eppelsheim († 2025)auch den damaligen Pfarrer von Rhaunen, Heinrich Teubel († 2025) zu überzeugen. In tiefem gegenseitigen Vertrauen wurden 1979 und 1981 die Orgeln in Rhaunen und Sulzbach restauriert, den drei 1930 geborenen gelang es die Kirchengemeinden zu überzeugen, wie die Rheinische Landeskirche und die Denkmalpflege.

Mit seinen Restaurierungen seit den 1970iger Jahren fanden die Orgeln aus den sechs Generationen dieser Orgelbauwerkstatt wieder zu neuer Beurteilung, wie die folgenden Restaurierungen in Meckenbach (restauriert 1981), Amorbach (restauriert 1982), Kleinich (1986), Geisenheim (1987), Einöllen (1987) und Ulmet (1989) zeigen. Aber sein Interesse ging jedoch weit über das Rheinland hinaus und so wurden historische Orgeln restauriert, darunter die ältesten Instrumente noch aus dem 17. Jahrhundert, wie in Dinkelsbühl, St. Georg die sog. „Schwedenorgel“ von 1610 (1988 restauriert), der Teynkirche/Prag (1671, 2000 restauriert), die Johann Konrad Funtsch-Orgel in Habsberg (1767, restauriert 1972), die Holzhey-Orgel in Rot an der Rot (1791, restauriert 1989) oder die Frantz Jacob Spath-Orgel in Regensburg, St. Oswald von 1750 (restauriert 1991) und viele andere mehr. So lernte er die besondere Handschrift der Werkstatt Stumm noch mehr zu schätzen, was dann durchaus auch auf die Neubauten unter ihm abfärbte, wenn er eine technische Stringenz im inneren Aufbau einer Orgel einforderte.

Vermächtnis

Spätestens seit 2000 zog er sich immer mehr aus dem Tagesgeschäft zurück, nachdem sein Sohn Philipp die Leitung der Werkstatt übernommen hatte. Die Übergabe war für ihn kein Bruch, für ihn war es vielmehr als ein Zeichen von Klugheit und Realitätssinn, nach dem Motto „es kann nur einen König geben, gut, wenn die Nachfolge geregelt ist“. Er widmete sich seinen Sammlungen, die er auf die für ihn typische Art möglichst umfassend pflegte, etwa die unglaubliche Sammlung an historischen Orgelstichen oder die Briefmarken mit Orgelmotiven. Beide Bereiche hat er, wie zuvor die Bibliothek, komplettiert und per Computer systematisch erfasst. Und interessierte sich nach wie vor für die Werkstatt, blieb aber dabei im Hintergrund und half gerne, wenn er „Hausaufgaben“ bekam.

Jede „seiner“ Orgeln hat Hans Gerd Klais nach der Fertigstellung mit seiner Linhoff-Kamera mit Großnegativen in 9×12 abgelichtet und sie damit in die kommende Zeit geschickt, sie losgelassen, auf dass sie sich bewähre. Seine Instrumente führen den Namen Klais mit Würde und Stolz, sie zeigen das Charisma eines Mannes, der Handwerk, Kultur und Unternehmertum als umfassendes kulturelles Erbe verstand, dessen Teil er bleiben wird.

Hans-Wolfgang Theobald, 2. Vorsitzender

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