Eine Reise in die „Goldenen Zwanziger“ – mit Stummfilm, Orgelklängen und Geschichten
Am 10. Oktober 2026 erlebten rund 50 Besucher in der katholischen Kirche St. Martin in Rhaunen einen außergewöhnlichen Kultursommer-Abend: Walter Ruttmanns Stummfilmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ aus dem Jahr 1927 traf auf die historische STUMM-Orgel von 1893. Der Schweizer Organist Johannes Fankhauser improvisierte live zum Film und ließ Bilder und Musik zu einem gemeinsamen Erlebnis werden.
Die Idee zu diesem besonderen Format entstand aus dem Kultursommer-Motto 2026 „Die Goldenen Zwanziger“. Für den STUMM-Orgelverein lag es nahe, das Thema mit einem Instrument aus der eigenen Orgellandschaft zu verbinden. Auf Empfehlung des renommierten Organisten und Improvisators Johannes Geffert konnte Johannes Fankhauser für die Aufführung gewonnen werden. Geffert kannte ihn unter anderem vom Internationalen Wettbewerb für Orgelimprovisation in Köln, bei dem Fankhauser 2023 den ersten Preis errungen hatte.
Wie berechtigt diese Empfehlung war, zeigte sich in Rhaunen schon nach wenigen Minuten.
Ruttmanns Film begleitet Berlin vom frühen Morgen bis tief in die Nacht. Züge, Straßenverkehr, Fabriken, Menschenmengen, Arbeit, Freizeit und Vergnügen verdichten sich zu einem rasanten Porträt der modernen Großstadt der Zwanzigerjahre.
Johannes Fankhauser griff diese Bilder mit großer musikalischer Fantasie auf. Mal imitierte die Orgel Geräusche und Bewegungen unmittelbar, mal nahm er Stimmungen auf oder ließ bekannte Melodien in seine Improvisation einfließen. So war beispielsweise „Berliner Luft“ zu hören; auch ein Tischgebet von Heinrich Schütz fand passend zu einer Essensszene seinen Platz.
Dabei nutzte Fankhauser die gesamte klangliche Bandbreite der historischen Orgel – von sehr leisen Passagen bis zu kraftvollen Klangsteigerungen. Trotz der teilweise rasanten Bilder wirkte die Musik nie wie eine bloße Begleitung. Film und Orgel verbanden sich vielmehr zu einem gemeinsamen Geschehen, sodass man Dialoge zu keiner Zeit vermisste.
Dass Fankhauser dabei mit einem für ihn zunächst fremden Instrument arbeitete, war kaum zu spüren. Auf die Frage, wie er mit der Rhaunener STUMM-Orgel zurechtgekommen sei, antwortete er später, nach etwa drei Minuten habe er sich mit ihr „angefreundet“. Das Publikum dankte ihm mit langem Applaus.
Als Zugabe spielte Fankhauser schließlich „Der Mond ist aufgegangen“ – ein stiller und stimmungsvoller Abschluss nach dem turbulenten Berliner Tageslauf.
Nach dem Film wechselte ein Teil der Besucher in die Pizzeria Sarici, wo der Abend mit einem 20er-Jahre-Ausklang fortgesetzt wurde.
Auch dieser zweite Teil entwickelte sich zu einem eigenständigen Programmpunkt. Jörg Kuhfuß hatte ein originales, rein mechanisch arbeitendes Grammophon und historische Schellackplatten mitgebracht. Gemeinsam mit Heiko Theobald führte er die Gäste Jahr für Jahr durch die Zwanzigerjahre.
Heiko Theobald ordnete die einzelnen Jahre politisch und kulturell ein und berichtete über Entwicklungen in Politik, Architektur, bildender Kunst und Musik. Jörg Kuhfuß ergänzte diese Erläuterungen jeweils mit passenden Originalaufnahmen aus der Zeit. Hinzu kamen Anekdoten aus Rhaunen und Erinnerungen an Menschen und Ereignisse aus dem Ort.
So wurde auch deutlich, dass die „Goldenen Zwanziger“ keineswegs nur eine unbeschwerte Epoche waren. Auf Jahre kultureller Aufbrüche, neuer Lebensformen und großer künstlerischer Kreativität folgte 1929 die Weltwirtschaftskrise. Arbeitslosigkeit, soziale Not und politische Radikalisierung verschärften sich erheblich. Diese Entwicklung trug wesentlich dazu bei, den Boden für den Aufstieg der Nationalsozialisten und die spätere Machtübernahme 1933 zu bereiten.
Gerade die Verbindung von Musik und Zeitgeschichte machte diesen zweiten Teil zugleich unterhaltsam und informativ. Die alten Schellackaufnahmen erklangen unmittelbar vom historischen Tonträger und Grammophon und vermittelten einen ganz eigenen Eindruck vom Klang jener Jahre.
Damit spannte der Abend einen ungewöhnlich weiten Bogen: vom experimentellen Großstadtfilm der Weimarer Republik über die freie Improvisation an einer historischen STUMM-Orgel bis hin zu Originalaufnahmen auf Schellack und den politischen und kulturellen Entwicklungen der Zwanzigerjahre.
Für den STUMM-Orgelverein zeigte sich zugleich, wie vielseitig historische Orgeln auch außerhalb des klassischen Konzertrepertoires eingesetzt werden können. Die Verbindung von Film, Improvisation, Zeitgeschichte und historischer Tontechnik machte den Kultursommer-Abend in Rhaunen zu einem besonderen Erlebnis – und zu einer Begegnung mit den Zwanzigerjahren, die weit über nostalgische Erinnerungen an die „Goldene“ Epoche hinausging.
Ein herzlicher Dank gilt Johannes Fankhauser, Jörg Kuhfuß und Heiko Theobald für ihre außergewöhnlichen Beiträge zu diesem Abend.
Fotos: © Hans-Wolfgang Theobald
Bildunterschrift Kirche:
Stefan Huck, Johannes Fankhauser und Hans-Wolfgang Theobald an der STUMM-Orgel in St. Martin.
Bildunterschrift 20er-Jahre-Ausklang:
Heiko Theobald und Jörg Kuhfuß beim musikalisch-historischen Streifzug durch die Zwanzigerjahre.
Bericht der Nahe-Zeitung vom 19.10.26

Jörg Kuhfuß (Bonn) mit seinem Original Grammophon von „His Master’s voice“

Heiko Theobald (Rhaunen) berichtet aus den Zwanziger Jahren

