STUMM-Tagung in Amorbach – Nachlese

Liebe STUMM-Orgelfreunde,

in Amorbach im Odenwald, am Standort des mutmaßlich berühmtesten und größten Werks der Orgelbau-Werkstatt Stumm aus Rhaunen-Sulzbach, fand am 5. und 6. Oktober dieses Jahres eine Arbeitstagung zum Forschungsstand und zur – perspektive des im Titel genannten Themenkomplexes statt. Die anlassgebenden Ausgangspunkte bildeten einerseits die bilanzierende Reflexion über die Reichweite und Rezeption der monographischen Arbeiten des Münchner Musikwissenschaftlers Prof. Dr. Jürgen Eppelsheim (*1930), andererseits die Erwartungen, Bedürfnisse und Möglichkeiten einer Digitalisierung, Informationserschließung und vertiefenden Forschung dieser organologischen Quellen.

Veranstaltet wurde die Konferenz von der Forschungsstelle DIGITAL ORGANOLOGY am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig, ihre Förderung bei der Finanzierung der entstehenden Aufwendungen hatten im Vorfeld drei bürgerschaftliche Vereinigungen des Musiklebens zugesagt: die Gesellschaft der Orgelfreunde e.V., die Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte e.V., deren Mitglied Jürgen Eppelsheim seit Jahrzehnten ist, und der Stumm-Orgelverein Rhaunen-Sulzbach e.V., dem der Forscher seinen schriftlichen Vorlass anvertraut hat. Weitere Förderung erfuhr die Veranstaltung nicht nur durch das Haus Leiningen, das u.a. die Tagungsräume zur Verfügung stellte, sondern auch durch ehrenamtliche Leistungen der im Folgenden genannten aktiven TeilnehmerInnen.

Jürgen Eppelsheim beschäftigte sich sein ganzes Arbeitsleben lang forschend und gutachterlich mit der Orgelbau-Werkstatt Stumm. Er verfasste auch seine nie gedruckte Habilitationsschrift darüber. Seine etwa 200 objektfokussierenden Dokumentationen erhaltener Stumm-Orgeln, die zum überwiegenden Teil bis heute unveröffentlicht sind, bilden ein einzigartiges Konvolut von Forschungsdaten in der Organologie. Damit zählt Eppelsheim ohne Zweifel zu den herausragenden akademischen Orgelforschern des 20. Jahrhunderts.

Speziell im hier beschriebenen Thema legte er mit seiner systematischen Forschung über mehr als vier Jahrzehnte die wissenschaftliche Basis für die Würdigung dieser großen Orgelbauer-Dynastie. Ihre Orgeln sind weiträumig verteilt. Ihre Werkstatt in Rhaunen-Sulzbach im Hunsrück versorgte von etwa 1715 bis 1920 in sechs Generationen eine weite Region zwischen Karlsruhe im Süden, dem Niederrhein im Norden, Luxemburg und Saarland im Westen und dem Odenwald im Osten mit etwa 400 Orgeln. Die Familie galt vor allem im 18. Jahrhundert als Maßstab, an dem sich der Orgelbau dieser großen Region messen konnte.

Die Konferenz sah eine Serie von Referaten, Diskussionen, Exkursionen und ein Konzert vor. Hans-Wolfgang Theobald stellte im eröffnenden Referat über den Vorlass Eppelsheim den Materialfundus, bestehend aus (eher wenigen) publizierten Arbeiten, (weit mehr) textbasierten Objektbeschreibungen, handschriftlichen listen- und tabellenförmigen Datensammlungen sowie umfangreichen bild- und audio-medialen Ergänzungen vor. Obgleich die Dokumentationen des Forschers bis in das Jahr 1962 – also Jahrzehnte vor die digitale Modellbildung in den Geisteswissenschaften und insbesondere der Organologie – zurückreichen, gebrauchen sie bereits Strukturen und Formate einer facettierten Analyse und standardisierten Beschreibung, die nicht nur wissensgesättigt weit über vergleichbare Kenntnisstände international etablierter Orgel-Datenbanken hinausreichen, sondern sich geradezu mustergültig für die gesamte Orgelkunde empfehlen: kulturräumlich, konfessionsübergreifend, diachron.

Der folgende Beitrag von Wolfgang Fink über die Mensurtafeln der Werkstatt Stumm sondierte das breite Feld vor allem materialkundlicher und physikalisch- naturwissenschaftlicher Analysemethoden für überlieferte Werkzeuge und Objekte des Instrumentenbaus, die im Sinne einer historischen Organologie als Träger immanenten Wissens gelesen, dechiffriert und digitalisiert werden wollen, sofern sie in Repositorien künftiger organologischer Forschung eingepflegt werden sollen.

Über die traditionellen Aufgaben der Sicherung und Erschließung des Wissens hinaus ist es heute unsere Herausforderung, diese einzigartige Ressource der Organologie zu digitalisieren, zu kontextualisieren und für die virtuelle Modellbildung nachhaltig bereitzustellen. Basierend auf den bereits bestehenden Datenbank- Strukturen, Distant-Reading-Tools, Visualisierungen, multimodalen Werkzeugen und Ausbau-Optionen des musiXplora, der virtuellen Forschungsumgebung am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig, skizzierte Franziska Bühl in ihrem Referat über Digitalisierung, Modellbildung und Forschungsmethoden an Orgeln konkrete Entwicklungsaufgaben im weit gefächerten Interesse der beteiligten und betroffenen Professionen: der Organologien, Gutachter, Organisten, Hochschullehrer, Instrumentenbauer, Stimmer, Restauratoren, Denkmalpfleger, Besitzer, Sachaufwandsträger, Versicherer, Veranstalter, Tontechniker oder Medienproduzenten.

Josef Focht erläuterte die Methodologie der Forschungsdaten-Repositorien der Forschungsstelle DIGITAL ORGANOLOGY am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig. Hier stehen in sieben text- und zahlbasierten Repositorien über

200.000 Entitäten der Organologie und ihrer transdisziplinären Kontexte zur Nachnutzung zur Verfügung, ferner 70.000 multimodale Datensätze. Sie nehmen in der digitalen Modellbildung – einzeln und in Kombination – eine wachsende Bedeutung ein. Dabei kommen den Rahmenbedingungen der Qualitätssicherung, der prospektiven Digitalisierung und der Optimierung proprietärer Standards eine große Bedeutung zu.

Im letzten Vortrag stellte Dominik Ukolov Konzepte und Werkzeuge der Auralisierung und der Virtualisierung einerseits von Orgeln und andererseits von Kirchenräumen vor. Diese multimodalen Formate sind heute schon unentbehrlich in der Erstellung von Modellen, Simulation verlorener oder noch nicht vorhandener Zustände oder im Vergleich von Variablen. Dieses Medien- und Forschungsfeld ist in einer dynamischen Entwicklung, insbesondere hinsichtlich der Kombination multisensorieller Medien, der Animation einzelner Segmente, der Integration immersivere Elemente oder der automatisierten Verarbeitung großer Datenpools in mehrschrittigen Verarbeitungspipelines.

In der abschließenden Diskussion führte Nikolaus Könner mit dem fordernden Mantra der Orgel-Denkmalpflege, die mitunter variierenden Erwartungen der TeilnehmerInnen – bzw. ihrer Branchen des Orgelbaus, der Restaurierung, des Gutachterwesens, der Kirchen, der Organisten, der Enthusiasten etc. – konstruktiv zusammen. Demnach besteht die übereinstimmende Vorstellung, dass eine nachvollziehbare und in der Qualität kontrolliert Dokumentation einer Orgel die unentbehrliche Voraussetzung für ihre Restaurierung darstellt.

Dr. Hans-Wolfgang Theobald, Nikolaus Könner, Prof. Josef Focht (v. l. n. r.)

Neben den Vorträgen war nicht nur reichlich Gelegenheit zum informellen Austausch der zahlreichen Teilnehmer, sondern auch eine Führung durch die Barockkirche mit Birgit Wagner geboten, die den Teilnehmern einen fundierten Überblick in die Kultur- und Musikgeschichte der Abtei sowie ihre bauliche und kunsthistorische Überlieferung gewährte: Die ehedem auf kurmainzischem Territorium gelegene Benediktiner-Abtei Amorbach wurde 1803 säkularisiert und den Fürsten zu Leiningen übergeben, ehe sie Jahre später erst bayerisch wurde. Dieser Prozess zog auch einen Wechsel ihrer Funktion, Konfession, Musikpflege und Aufführungspraxis nach sich.

Das Instrument in Amorbach stellt heute die einzige Stumm-Orgel in Bayern dar, und sie ist zugleich die größte der Werkstatt. Jürgen Eppelsheim erstellte als Sachberater 1980/1982 das Konzept für ihre Restaurierung und Teilrekonstruktion, die von den Firmen Klais und Steinmeyer gemeinsam durchgeführt wurde. So wurde die technische wie klangliche Verbindung der Orgel von 1782 mit ihrer beachtens- werten Überarbeitung von 1868 durch das Haus Steinmeyer möglich gemacht, die im 20. Jahrhundert noch mehrfach verändert wurde. Der Kölner Organist und Hoch- schullehrer Johannes Geffert vermochte es in seinem Konzert am Freitagabend in überzeugender Weise, die klanglichen und dynamischen Möglichkeiten des Instruments in seinem heutigen Überlieferungszustand mit einer ausgeklügelten Werkfolge performativ vorzuführen, hörbar und erlebbar zu machen. Sein Programm, das auch der interessierten Öffentlichkeit zugänglich war, fand fast hundert begeisterte Zuhörer.

Prof. Johannes Geffert

Ein weiterer Programmpunkt am Ende der Tagung sah eine Führung in die Orgel vor, angeführt wiederum von Hans-Wolfgang Theobald, der nicht nur alle baulichen Elemente des Instruments aus ihren unterschiedlichen Bauphasen, sondern auch die Maßnahmen und Konzepte der o.g. Teilrekonstruktion der 1980er Jahre vorstellen konnte.

 

 

Ein Tagungsband mit allen Referaten der gelungenen Konferenz ist ebenso geplant, wie ein Drittmittel-gefördertes Forschungsvorhaben, das die Digitalisierung, Publikation und Fortführung der Arbeit von Jürgen Eppelsheim unternimmt.

 

Mit besten Grüßen,

Hans-Wolfgang Theobald und Josef Focht