Stolperstein mal anders?!

Gedenkfeier in Rhaunen zwischen Ergriffenheit und Begeisterung

Am Sonntag, 12.11.2023 fand in der katholischen Kirche in Rhaunen das zweite Gedenkkonzert zu Ehren des jüdischen Musiklehrers aus Bruschied, Samuel Baum, statt, der 1942 in einem KZ ermordet wurde. Im Zusammenhang mit der Erinnerung an den 09.11.1938, in dessen Folge Millionen Juden in Deutschland umgebracht wurden, steht hier ein konkreter Name, ein Mitbürger und eine Person aus der Region stellvertretend für die vielen anderen Schicksale. So formulierte es Prokurator Wolff, der als Vertreter des „Pastoralen Raums“ begrüßte. Leider ist das Gedenken an die Opfer und die Erzeugung von Betroffenheit wieder tagesaktuell. Hier gilt der Dank der polizeilichen Sicherung der Veranstaltung.

Stolpersteine findet man üblicherweise im Pflaster von Fußwegen oder als Gedenktafel an Wänden. In der vorgeschalteten und sehr informativen Einführung zum Konzert erläuterte Heiner Schneider als Initiator der Erinnerungskonzerte seine familiäre Verbindung zu Samuel Baum: Baum war der Klavierlehrer seiner Mutter. Das Konzert in Rhaunen selbst führte in eindrucksvoller Weise vor Augen, welche prägende Wirkung Samuel Baum für die Musik in Rhaunen und Umgebung hatte. Die drei ausführenden Musiker waren Diana Germain (Violine), Youri Rizov (Horn) und Yuki Nagatsuka (Klavier). Sie kommen aus drei verschiedenen Nationen und bestens ausgebildet von namhaften Lehrern sind sie nun Kolleg*innen der Musikschule des Landkreises Birkenfeld. In der einenden Sprache der Musik zeigten sie in bemerkenswerter Weise das intensive Streben nach Harmonie und Klang. Auf dem Programm standen keine alltäglichen Stücke des unterhaltenden Konzertwesens.

Zunächst brillierte Diana Germain mit Fritz Kreislers „Präludium und Allegro im Stil von Pugnani“. Nach der Eingewöhnung der Instrumentenlautstärken von Geige und begleitendem Flügel in der Raumakustik konnten die mit Perfektion und Spielfreude vorgetragenen Passagen in ihrer Virtuosität klar mitverfolgt werden. Yuki Nagatsuka war eine ebenso aufmerksame wie feinfühlige Begleiterin. Es war eine Freude mitzuerleben, wie sie stetig den Flügelklang zugunsten eines kammermusikalischen Musizierens ohne Einbuße ihrer Fähigkeiten und der musikalischen Ansprüche zurücknahm.

Der Steingraeber-Flügel war eine Leihgabe von Heiner Schneider, dem Ehrenvorsitzenden des STUMM-Orgelvereins. Der Zufall wollte es, dass der Begründer der Bayreuther Klavier-Manufaktur Steingraeber zur gleichen Zeit in demselben Betrieb seine Ausbildung absolvierte wie Gustav Stumm, der Erbauer der Orgel in der katholischen Kirche in Rhaunen. Somit trafen sich instrumententechnisch ebenfalls zwei Zeitgenossen wieder.

Mit Youri Rizov spielte anschließend der ehemalige Solohornist der Sofioter Philharmonie. Er zeigte die klanglichen Fähigkeiten eines Horns in seinen verschiedenen Facetten. Hier war der Flügel auch mit allen Möglichkeiten gefragt. In Bernhard Eduard Müllers „Am Abend“ erklang eine romantische Serenade, die zur Verdeutlichung der zarten, warmen Stimmung alle technischen und musikalischen Fähigkeiten der Spieler erforderte. Nur so war ein Lautstärkeverlauf vom kraftvollen Sonnenschein bis zum letzten Windhauch zu realisieren.

Der Höhepunkt des Konzertes aber war das Trio für diese drei Instrumente, op. 40, von Johannes Brahms. Es war kein Zufall, dass dieses Werk im Zentrum des Abends stand. Der Musiklehrer Samuel Baum beherrschte diese 3 Instrumente und bildete an ihnen und weiteren aus. Dadurch schaffte er die Voraussetzung für die Gründung der Feuerwehrkapelle in Rhaunen. Brahms war ein hervorragender Pianist. Von der Vorliebe seiner Mutter für das Horn inspiriert, lernte er aber auch begeistert dieses Instrument. Somit verbinden sich in dem Werk die Gedanken des Komponisten mit den Instrumenten des Musiklehrers von Rhaunen. In vier Sätzen durchlebt Brahms unterschiedliche Emotionen. Da das Trio 1865 entstand, im Jahr des Todes seiner Mutter, verarbeitet er auch seine Trauer in der Musik.

Das gewonnene Gefühl für die ausgewogene Gleichgewichtigkeit der Instrumente ließ trotz aller Komplexität und technischer Herausforderung der Komposition die Linien, die Motive und rhythmischen Details scheinbar mühelos schweben und „mit Fried und Freud“ ineinandergreifen, ganz im Sinne der Veranstaltung. Mit dem Zustand der vollständigen Klangverschmelzung ergab sich der Eindruck, dass die Motorik keine Unruhe darstellte, sondern in der Gewissheit eines Trostes in allem Leid ablief.

Mit Hinweisen zu weiteren Kooperationsprojekten zwischen Kreismusikschule, STUMM-Orgelverein und dem Arbeitskreis Stolpersteine Rhaunen ergibt sich am Schluss die freudige Hoffnung, solche Konzerte öfters erleben zu können.

Das Publikum der vollbesetzten und stimmungsvoll illuminierten Kirche zollte ehrlichen und berechtigten Applaus zu diesem ergreifenden und begeisternden „Musikalischen Stolperstein“.

Wolfgang Fink

 

Bericht der Nahe-Zeitung vom 16.11.2023
Bericht der Nahe-Zeitung vom 16.11.2023
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